HIMBEEREIS ZUM FRÜHSTÜCK, ROCK’N’ROLL IM GARTEN

 

Es ist immer gut, wenn ein Artist sein Handwerk beherrscht. Und noch besser ist es, wenn er sein Tun in einen Satz packen kann, der so prägnant wie schlaumeiernd daherkommt. „Jonglage ist, wenn man für eine Sache zu wenig Hände hat“, sagt René Albert, und dann legt er los.

Was man dabei sofort sieht: Der Mann hat auf keinen Fall zu wenig, dafür aber unbedingt extrem flinke Hände. René Albert lässt diverse Hüte durch die Luft fliegen, die zwischendurch ein sehr kurzes Zuhause auf seinem Künstlerkopf finden; er weiß, wie man Tennisbälle samt durchsichtiger Aufbewahrungsbox in Schwung bringt und für staunende „Aaahs“ und „Ooohs“ sorgt er, als er mit Keulen herumwirbelt.

Erst mit solchen, die normal temperiert sind, und dann mit welchen, die echt heiß sind. Weil sie eben brennen und die züngelnden Flammen durch die Luft zischeln. Mit dem Auftritt von Jongleur René Albert geht das Gemeindefest der Lutherkirche-Nippes in der Version 2017 am frühen Sonntagabend in die letzte Runde, ein erlebnisdichter Tag neigt sich dem Ende zu. 

 

Angenehm ineinanderfließendes Durcheinander

„Ich mag die Vielfalt beim Gemeindefest. Dass alle zusammen fröhlich feiern, gefällt mir. Und jeder ist dabei willkommen“ – so erlebt Pfarrerin Miriam Haseleu das Geschehen rund um die Backsteinmauern der Lutherkirche, während ihr Kollege seinen Eindruck in folgenden Satz packt: „Mir gefällt der Trubel hier im Garten, es ist ein angenehm ineinanderfließendes Durcheinander“, sagt Pfarrer Thomas Diederichs. Schon um Zwölf Uhr mittags, direkt nach dem gut besuchten Gottesdienst, ist ordentlich was los in der Siebachstraße.

 

Himbeereis zum Frühstück

Erste Erkenntnis beim Rumschlendern: Auch in einem Schlager aus den späten 70ern kann vier Jahrzehnte danach noch Wahrheit stecken. „Himbeereis zum Frühstück“ sangen Hoffmann & Hoffmann 1977, und das ist auch beim Gemeindefest der Lutherkirche-Nippes möglich. Himbeereis ist reichlich vorrätig, zwei Bällchen in einer Waffel: Aber klar doch. Was sonst noch kulinarisch geht: Würste vom Grill. Salate. Süße Crêpes. Diverse selbst gebackene Kuchen. Auch geruchstechnisch ein angenehm ineinanderfließendes Durcheinander, so ist das nun mal bei Freiluft-Veranstaltungen. Hier das sanft vor sich hinschmelzende Nutella auf der Crêpes-Kochplatte, dort der Bratwurstduft. Ganz gleich, ob vom Rind oder Schwein, Hauptsache: fettig.

Inmitten diese Geruchs-Tohuwabohus tummeln sich Jung und Alt, Groß und Klein, alteingessene Nippeser und Geflüchtete. Kinder wuseln sich quicklebendig durch ihren ganz eigenen Spiel-, Bastel- und temporären Umgestaltungsparkour. Nach getaner Arbeit entlässt die Schmink-Abteilung Piraten, Tiger, Kätzchen, Prinzessinnen, Feen und Mausezahnbärchen in den Gemeindegarten, derweil die Elternabteilung die ersten Kölsch im Anschlag hat. Der Andrang beim „Kisten klettern“ ist immens, hoch hinaus Richtung Baumkrone wollen sie alle, konzentrierte Hochstapelei ist gefragt, sagenhafte 18 Cola-Kisten aber schaffen nur zwei Jungs. Großer Applaus, sicheres Abseilen, weiter geht’s. Nächste Spiele- und Spaßstationen: Turnbeutel mit Farben verschönern, Papierkreise bemalen, das Bemalte als Button prägen lassen, ausnahmsweise mal die Hände stillhalten. Warum? Na, weil ein Gipsabdruck von der Kinderhand genommen wird. Hochsommer in der Stadt spielt das Wetter beim Gemeindefest nicht; warm genug, damit der Gips zügig trocknet, ist es. Beim „Glücksrad für die Seele“ kann man sich Begriffe „erdrehen“, denen im Leben aller Menschen eine Bedeutung zukommt. „Liebe“ und „Frieden“ steht auf der bunt bemalten Drehscheibe ebenso wie „Weite“ und „Hoffnung“ – und je nachdem, bei welchem Begriff das Glücksrad stehen bleibt, gibt es als Preis eine individuell befüllte Wundertüte.

Kurz zurückspulen, kleine Erinnerungsrunde. Wie ging der 70er-Jahre-Schlager von Hoffmann & Hoffmann doch textwärts weiter? So: „Himbeereis zum Frühstück/ Rock’n’Roll im Fahrstuhl“. Das ist gaga, das ist sprachliche Verknappung auf höchstem Niveau, und das muss für Nippes im Jahr 2017 nur dezent abgewandelt werden. Ab sofort gilt: Himbeereis zum Frühstück, Rock’n’Roll im Garten.

 

Photo: Martin Langhorst  

        

Rock’n Roll im Garten

„Laute Nachbarn“ covern sich kreuz und quer durch die Jahrzehnte, es kommen unter anderem dran: „Don’t Let Me Be Misunderstood“, am bekanntesten in der Disco-Version von Santa Esmeralda; „Seven Nation Army“ von den White Stripes; „Disko Partizani“ von Shantel. Nach der Blaupause des Balkan-Pops von Shantel wird die kölsche Volksseele mit dem Höhner-Song „Wann jeiht dr Himmel widder op“ gestreichelt – und dann gibt’s ein absolutes Heimspiel. Auftritt Pelemele, Freunde des Hauses, gute alte Bekannte der Lutherkirche aka Kulturkirche. Serienmäßig liefert Pelemele die so tolle wie live vielfach bewährte Bedienungsanleitung fürs Luftgitarrespielen, und die wird – was sonst?  – im begeisterten Publikum sofort in die Praxis umgesetzt. Es gilt: vorgemacht, nachgemacht, mitgemacht. Und natürlich hält die Kölner Band, die Rockmusik für Kinder und die ganze Familie macht, die Geschwindigkeit auf der Entertainment-Spur. Wo man auch hinguckt: Überall wird gehüpft, mitgesungen, mitgeklatscht. Kindgerecht geht es zu, wenn Pelemele auf der Bühne stehen, in keinem Moment aber wird es dabei kindisch. Mit der richtigen Mischung aus ausgesuchten Albernheiten und einer Portion Gedanken, die schlau machen, wenn man gut zuhört, begeistern die vier Musiker das Publikum beim Gemeindefest, und in ihrem alles andere als heimlichen Hit kümmern sie sich um ein Thema, das Groß, Mittelgroß und Klein angeht: „Stinkefüße“. Und wie Sänger Christoph „Picco“ Fröhlich beim „Groovehummel“-Song als flotter Brummer abgeht, ist eine sanfte Wucht, die man auf jeden Fall mal erlebt haben sollte.

 

Zartgliedriger Folkpop

Nach Pelemele wissen Nelly und Lars, was zu tun ist: ein bisschen Ruhe ins Spiel bringen. Das Duo spielt seinen feingliedrigen Folkpop, Nelly lässt ihre Stimme durch Molokos „Sing It Back“ federn, und dann ist die zweite Streicheleinheit für die kölsche Seele dran. Kölsch kann Nelly auch, und bei „En unserem Veedel“ ist klar, dass der Klassiker von den Bläck Fööss auch mit weiblichem Gesang zuverlässig zu einem Gemützustand führt: dem der erhöhten Schunkelseligkeit, „Et Schönste, wat m’r han/ schon all die lange Johr/ es unser Veedel“. Nächstes Jahr, soviel steht fest, gibt es wieder ein Gemeindefest der Lutherkirche. Vielleicht wieder mit Himbeereis zum Frühstück, und ganz sicher mit Rock’n’Roll im Garten.

 

Text: Martin Weber