KINDER AN DIE MACHT


In „Mini-Nippes“ kommen kleine Leute ganz groß raus. Weil es in der Kinderstadt all das gibt, was es auch im Alltag einer echten Stadt gibt: zum Beispiel eine Bäckerei und eine Bank, ein Finanzamt und die Müllabfuhr, eine Schreinerei, Polizisten, einen Richter und einen Bürgermeister.

In dem zweiwöchigen Ferienprogramm lernen Kinder zwischen 6 und 11 Jahren allerhand über Demokratie – und darüber, dass das Wesen einer funktionierenden Gemeinschaft immer aus Miteinander und Autonomie besteht.

 

 

So eine Antwort hätte auch im Leben der Großen Bestand. Weil sie zackig rüberkommt. Weil sie so kurz wie prägnant ist. Und weil man sie sich so manches Mal auch von einem politischen Amtsinhaber im realen Leben wünschen würde. Jascha, 11 Jahre, weiß, was so ein Bürgermeister vor allem macht: „Arbeiten“. Was mindestens so erstaunlich wie bemerkenswert ist, weil Jascha erst den zweiten Tag im Amt verbringt. Am ersten Montag der Sommerferien 2017 hat ihn die Bürgerversammlung gewählt, am zweiten Tag hat er schon diverse Entscheidungen getroffen. Unter anderem diese: „Ich habe angeordnet, dass die Abfallwirtschaftsbetriebe ihr Auto auch als Taxi anbieten können“. Die Entscheidung ist ein großer Ankommer, das Teilzeit-Taxi – ein Kettcar für vier Personen, in die Pedale getreten wird nur auf den beiden hinteren Plätzen, auf den vorderen kann man sich galant kutschieren lassen – dreht Runde um Runde. Mal links-, mal rechtsrum um die Lutherkirche. Und stets mit einer Konstante: mit Karacho. Nicht selten ist das Kettcar auch überbelegt, es gilt: wer draufpasst, fährt mit.

 

 

Kleine Großstadt

Willkommen in „Mini-Nippes“, der Miniaturstadt für kleine Leute, in der es all das gibt, was es auch in einer echten Stadt der Erwachsenen gibt. Also zum Beispiel eine Bäckerei und eine Bank. Ein Finanzamt, ein Bürgerbüro und die Abfallwirtschaftsbetriebe. Eine Schreinerei, eine Nähstube, eine Eisdiele, einen Souvenir-Laden, eine Zeitungsredaktion und Radiomacher – und jede Menge mehr an Shops, Einrichtungen, Ämtern und Instutitionen, in denen sich Menschen durch ihren Alltag zwischen Arbeit und Freizeit sowie Pflichten und Vergnügungen schlängeln. In „Mini-Nippes“ wird Geld verdient und ausgegeben – die eigene Währung heißt „Nippis“ –, demokratische Regeln werden gelebt und gelernt, mit all ihren Ausprägungen zwischen Wohl und Wehe. Zwei Wochen lang haben die kleinen Leute hier das Sagen, Herbert Grönemeyers Hymne „Kinder an die Macht“ von 1986 wird im Hier und Jetzt des Jahres 2017 auf Zeit gelebt. Und das ziemlich erfolgreich.

 

 

Niemand ist eine Insel

Das Ferienprogramm, das die OT Werkstattstraße (eine Einrichtung der Evangelischen Kirchengemeinde Köln-Nippes) in Kooperation mit „ev-angel-isch“ organisiert und das bereits zum vierten Mal stattfindet, ist restlos ausgebucht und endete in Woche eins mit einem Gottesdienst, für den die Kinder die Texte und Moderationen selbst geschrieben haben. Als Pfarrerin führt dabei Larissa durch Gottesdienst, in dem es mit viel Musik und einer Tanzperformance um das Thema „Gerechtigkeit“ geht – und in dem später Brot und Saft miteinander geteilt werden. Die 150 Plätze, die für „Mini-Nippes“ angeboten werden können, sind heißbegehrt. Stephan, Leiter der OT Werkstattstraße, weiß, warum das so ist: „Die Kinder lernen hier, wie eine Gesellschaft funktioniert und dass es in einer Gesellschaft nur klappen kann, wenn man zusammen agiert. Niemand ist eine Insel. Es geht bei Mini-Nippes um Demokratie als Regierungsform, es geht um menschliche Grundrechte, und es geht auch darum, dass die Kinder ein Feedback bekommen: Welche Verhaltensweisen sind in einer Gesellschaft okay, und welche sind es nicht?“ Die eine oder andere Rückmeldung hat auch Jonathan schon bekommen. Jonathan ist 10 Jahre alt und außerdem fünf Tage lang der Richter in „Mini-Nippes“. Am zweiten Tag seiner Amtszeit schätzt er sich und seine Aufgabe erfrischend realistisch ein und sagt zugleich deutlich, was er vorhat. „Ich habe noch nicht so viel Erfahrung. Aber ich plane mehr Gerechtigkeit. Wer 30 Nippis veruntreut, muss mindestens 50 Nippis Strafe zahlen.“ Voll bei der Sache und sehr engagiert ist auch Clara, 18 Jahre und frisch mit dem Abitur ausgestattet. Als Digital Native informiert sie sich über das, was in der Welt so passiert, durch Online-Portale, auch Apps nutzt sie. Bei „Mini-Nippes“ ist sie als Teamerin in der Zeitungsredaktion aber gerne mal vorübergehend etwas altmodischer unterwegs. „Analog ist anachronistisch, in dem Fall aber besser. Ich finde es gut, dass es bei Mini-Nippes jeden Tag eine gedruckte Zeitungsseite gibt. Die können die Kinder mit nach Hause nehmen, vorzeigen und sagen: Guckt her, das haben wir gemacht. Wir versuchen den Kindern hier zu vermitteln, dass die Presse wichtig ist, um dem System auf den Zahn zu fühlen.“

 

 

Wurstwasser im Glas

Raus aus dem Keller der Zeitungsredaktion, rein in den Garten der Lutherkirche. Dort spielt das Wetter immer noch ausführlich Sommer und die Kinderschar weiterhin erfolgreich urbanes Leben im Kleinen. Das Kettcar der Abfallwirtschaftsbetriebe ist weiterhin als Taxi waghalsig überbucht. An der Cocktail- und Sandwichbar herrscht hübsches Gewusel. Die Tischtennisplatten werden intensiv bespielt. Am Piano im Gemeindesaal geht es klanglich nicht zwingend harmonisch, dafür aber heftig zur Sache. Zu heftig für die Ohren von OT-Leiter Stephan: „Das Klavier ist geschlossen“, entscheidet er. Spiel ohne Grenzen kann Laune machen; beim Spiel Grenzen zu setzen, ist mitunter aber eben auch nötig. Freie Interpretation ist dagegen an der Hot-Dog-Station angesagt: Direkt aus dem Wurstwasser im Glas werden die Würstchen zwischen die Brötchenhälften geklemmt. Aufwärmen wird allgemein überschätzt; bei „Mini-Nippes“ schmeckt die Wurst jedenfalls auch kalt – und nach weiteren zehn Minuten meldet diese Station in „Mini-Nippes“ das, was für Geschäftsleute immer gut ist: ausverkauft!

 

 

Falscher Verdacht

Zwei Tage später und ein Problem mehr: Jonathan, immer noch Richter auf Zeit, macht eine Erfahrung: die nämlich, dass es die Leute doch interessiert, was in der Zeitung steht. Eine Schlagzeile aus dem „Mini-Nippes-Kurier“ vom Vortag lautet so: „Richter klaut!“ Fake News im Kleinen oder doch wahr? Für Jonathan ist die Sache klar: „Man soll nicht alles glauben, was in der Zeitung steht. Das stimmt jedenfalls nicht.“ So eindeutig sich Jonathan gegen diese Anschuldigung verwehrt, so eindeutig mitgenommen sieht er aus. „Hinschmeißen gilt aber nicht“, sagt er – und geht dann zurück an den großen Tisch der kleinen Journalisten; zusammen mit der Redaktion arbeitet er an einer Gegendarstellung.

 

 

Endlich Urlaub

 Die erste Woche von „Mini-Nippes“ steuert auf das Finale zu; klar, dass auf der Zielgeraden auch der Bürgermeister noch mal ins Spiel kommt. Mit einer Bilanz seiner Amtszeit, die ihm wichtig ist. „Gut ist, dass sich die Polizei nicht mehr so aggressiv verhält. Die hatte Leute auf Verdacht und ohne Beweise festgenommen. Man muss aber einen begründeten Verdacht und später Beweise haben, sonst ist es Willkür.“  Bürgermeister für fünf Tage, das ist bestimmt kein leichter Job. Jascha hat er, soviel ist klar, Spaß gemacht. „Ich treffe generell gerne Entscheidungen, und Entscheidungen muss man ja auch in der Politik treffen.“ Die letzte Bürgerversammlung zum Ende der ersten Woche von „Mini-Nippes“ wird Jascha nicht mehr live mitbekommen, mit dem Auto und den Eltern geht es Richtung Korsika. „Drei Tage sind für die Fahrt eingeplant“, sagt Jascha, „endlich Urlaub.“ 

 

 

Kinder an die Macht, zumindest vorübergehend? Warum nicht. Kein Fragezeichen. Die gut gelungene Mischung aus Krawall und Remmidemmi und Arbeit und Struktur, die die kleine Stadt im Garten der Lutherkirche anbietet, ist jedenfalls quicklebendig. Und 2018 ist ja schon nächstes Jahr; bitte unbedingt weitermachen mit „Mini-Nippes“.

Text: Martin Weber