EINE GESCHICHTE ZUM EWIGKEITSSONNTAG


Sie steht da in ihrem blauen Mantel. Nach dem Arbeitstag tut es gut hier zu sein. Sie hätte nicht gedacht, dass sie irgendwann in ihrem Leben wieder solche Tage haben würde. Normale Tage. Alltagstage. So wie heute.
Und jetzt steht sie hier, müde und dankbar vom Tag. Die Vögel zwitschern. Anna freut sich wieder darüber. Damals war es so verdammt schwer, dass alles um sie herum einfach weiter ging. Heute fühlt es sich anders an. Leben geht immer weiter. Es beginnt ganz klein und wird dann größer.

Gott heilt, die zerbrochenen Herzens sind, und verbindet ihre Wunden.
Er zählt die Sterne und nennt sie alle mit Namen. (Psalm 147, 3+4) 

Hier am Grab ihrer Tochter hatte sie tagelang gesessen. Geweint und geschwiegen. Geschrien hatte sie und verzweifelt das Gras gezupft. Was für eine schreiende Ungerechtigkeit. Kein Halt mehr am Boden. Keine Perspektive. Nur Schmerz und Wut und Trauer. Und die alles zermürbenden Fragen. Hätte es sein müssen? Was hatte sie falsch gemacht? Warum gerade sie? Und warum um alles in der Welt Lea? 

Es war nicht nur Lea gestorben an jenem Tag im September. Mit ihr war auch ihre Zukunft gestorben. Alles Lachen und alle Tränen waren gestorben. Das Zähneputzen und das Eis essen waren gestorben. Und von allen, die diese Momente vielleicht mit Lea erlebt hätten, war ein Teil gestorben. Der Schmerz blieb. Und das Leben ging mit dem Schmerz weiter. Beruflich ist Anna irgendwann wieder eingestiegen. Anders als zuvor. Weicher. Verletzlicher. Nahbarer. Echter. Ohne einen neuen Plan fürs Leben. 

Mit der Zeit, und das hört sich jetzt vielleicht komisch an, ist ihre kleine Lea größer geworden. Lea ist größer geworden, obwohl sie außerhalb von Annas Bauch nie hat leben dürfen. Lea lebte in den Menschen, die sich auf sie gefreut hatten. In denen, die sie sehnsüchtig erwartetet hatten. Lea hatte ihr Leben verändert. Lea setzte Traurigkeit frei, auch die, die schon ganz alt war. Lea erinnerte die Menschen an ihre eigene Verletzlichkeit, denn nichts ist verletzlicher als ein kleines Menschlein, das im Bauch der Mutter heranwächst. Anna kommt es so vor, als ob Lea alle liebte – und in dieser Liebe war nur Nähe, trotz des Sterbens. 

Gott heilt, die zerbrochenen Herzens sind, und verbindet ihre Wunden.
Er zählt die Sterne und nennt sie alle mit Namen. 

Anna steht da und denkt an Menschen, die mit ihr durch diese Zeit gegangen sind. Sie denkt auch an alle, die nicht an ihrer Seite sein konnten. Aus Angst oder Unsicherheit. Anna liebt Lea. Und sie liebt die Verletzlichkeit, die sie stark und frei macht. Frei wie ein Vogel, der zwitschert.

Das Leben beginnt ganz klein und wird dann größer. 

– Miriam Haseleu